* Bereich III: Die Geschichte der Allgemeinen-Electricitäts-Gesellschaft
     
     

Geschichte der AEG


Die AEG (Allgemeine Electricitäts Gesellschaft) zählte seit den Anfängen der Elektrotechnik zu den bedeutendsten deutschen Unternehmen auf diesem Gebiet. Im Jahr 1996 wurde die ursprüngliche Gesellschaft nach 113 Betriebsjahren aufgelöst. Doch auch wenn der Markenname heute in einzelnen ehemaligen Unternehmensteilen weiterlebt, endete mit der Auflösung ein Teil der Geschichte der Elektrotechnik und unserer deutschen Geschichte.

Im Jahr 1883 erwarb Emil Rathenau die Glühlampen-Patente zu den Erfindungen Thomas Alva Edisons für Deutschland. Für die Vermarktung und Weiterentwicklung kaufte Rathenau ein Gebäude in Berlin, in der Schlegelstraße 26, wo er eine kleine Studiengesellschaft gründete. Diese Gesellschaft wurde noch im gleichen Jahr zur „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ umbenannt.
Technischer Direktor war der Münchener Ingenieur und Kraftwerkspionier Oskar von Miller, der später das Deutschen Museum in München gründete. Oskar von Miller blieb bis 1889 als technischer Direktor im Unternehmen.

Das Jahr 1887 war für die AEG ein ereignisreiches und zukunftsweisendes Jahr. Die AEG-Gründern erwarben von Wilhelm Wedding das Gelände der „Weddingschen Maschinenfabrik“ in Berlin-Wedding. In den Jahren 1888 bis 1890 wurde auf dem Gelände der von Paul Tropp und Franz Schwechten entworfene, fünfstöckige Backsteinbau errichtet, der das Areal noch heute noch umschließt.
Im selben Jahr konnte Emil Rathenau Michail von Dolivo-Dobrowolsky als Chefingenieur für die Drehstromtechnik ins Unternehmen holen. Dolivo-Dobrowolsky entwickelte in den folgenden Jahren den ersten funktionsfähigen Drehstrommotor.
Die vor einigen Jahren gegründete Städtische Electricitätswerke AG zu Berlin wurde in Berliner Electricitätswerke umbenannt. Heute sind die Berliner Electricitätswerke Bestandteil des Vattenfal-Konzerns.
Im gleichen Jahr erfolgte auch eine Umstrukturierung der Gesellschaft und massive Erweiterung der Produktpalette, sowie die Namensänderung in „Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft“, kurz AEG. So wurde das Jahr 1887 zum wegweisenden Jahr für das Unternehmen und legte den Grundstein für viele zukünftige Erfolge.

Anläßlich der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung 1891 in Frankfurt am Main, konnte die AEG, mit der Übertragung von Drehstrom einen weiteren Meilenstein in der Elektrotechnik setzen. Oskar von Miller und Dobrovolski gelang es, den in einem Kraftwerk in Lauffen am Neckar erzeugten Strom über eine Strecke von 175 Kilometer nach Frankfurt zu transportieren, wo er auf dem Ausstellungsgelände zum Betrieb von rund 1000 Glühlampen und einen künstlichen Wasserfall verwendet wurde. Diese erfolgreiche Präsentation legte den Grundstein der allgemeinen Elektrifizierung mit Wechsel- bzw. Drehstrom in Deutschland und verhalf der noch jungen AEG zu hoher Anerkennung und wirtschaftlichem Erfolg.

Um einen Anschluss an das Berliner Eisenbahnnetz zu erhalten erwarb die AEG 1894 das Gelände des ehemaligen Berliner Viehmarktes. Eine direkte Schienenverbindung des Apparatewerks über das Gelände des ehemaligen Viehmarktes konnte nicht hergestellt werden, da zu der Zeit der Bau von unterirdischen Stadtbahnen in Berlin begonnen wurde. Zur Verbindung wurde eigens für eine Untergrundbahn ein Tunnel von 270 Metern Länge errichtet. Die Untergrundbahn zwischen den zwei Geländen wurde 1895 fertiggestellt. Mit den beiden überirdisch angelegten Endstationen diente die Bahn nur dem innerbetrieblichen Personen- und Lastverkehr. Der Tunnelbau wurde von Siemens & Halske unter der Leitung von C. Schwebel und Wilhelm Lauter geplant und ausgeführt.
Im Jahr 1900 wurde bei der AEG der elektrische Haartrockner entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt.

1901 gründete die AEG im Kabelwerk Oberspree die NAG (Neue Automobil Gesellschaft), die nach den Entwürfen von Prof. Klingenberg, die ersten AEG-Fahrzeuge herstellte. Später wurde in Oberschöneweide das AEG Automobilwerk errichtet und der Geschäftsbereich der NAG dorthin verlegt. Leitender Konstrokteur wurde Josef Vollmer.
1904 wurde die Produktion der ersten Lastwagen aufgenommen und 1912 der Name in „Nationale Automobil-Gesellschaft“ geändert, sowie das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Im Zeitrum bis 1934 wurden von der NAG in Oberschöneweide 8 PKW und einige LKW-Modelle produziert.

Im Jahr 1907 wird der Architekt Peter Behrens bei der AEG als künstlerischer Berater angestellt. Behrens war für die Gestaltung sämtlicher Produkte, der Werbemittel und der Architektur zuständig. Die AEG war damit das weltweit erste Unternehmen, das den Nutzen eines gemeinsamen Erscheinungsbilds (heute bekannt als Corporate Design oder Corporate Identity) für den wirtschaftlichen Erfolg erkannte und dieses gezielt für die Darstellung des Unternehmens und seiner Produkte in der Öffentlichkeit einsetzte.

Zu diese Zeit blickte die Gesellschaft bereits auf eine 25jährige Unternehmensgeschichte zurück. Das Tätigkeitsgebiet erstreckte sich mittlerweile auf alle Gebiete der Starkstromtechnik, wie die elektrische Beleuchtung, die elektrische Kraftübertragung, elektrische Bahnen, sowie die elektrochemische Anlagen. Weiterhin beschäftigte man sich mit dem Bau von Dampfturbinen, Automobilen sowie der Herstellung von Kabeln und Leitungen.

In und um Berlin waren zahlteiche Fabriken für die unterschiedlichen Produkte der AEG entstanden:

Maschinenfabrik (Transformatoren, Elektromotoren und Dynamomaschinen)
Apparatefabrik (Bogenlampen, Schalter, Sicherungen, Widerstände, Regler und Messgeräte aller Art)
Kabelwerk (Kupfer- und Metallwerk, Gummifabrikation, Mikanitfabrik)
Glühlampenfabriken (Kohle- und Metallfadenglühlampen, Nernst-Lampen), später in OSRAM eingebracht
Turbinenfabrik (Dampfturbinen)

Für die um die Jahrhundertwende aufkommende Funk- und Sendetechnik gründete die AEG am 27. Mai 1903 zusammen mit Siemens & Halske die eigenständige Gesellschaft Telefunken „Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie“. Hintergrund für die Gründung der Telefunken ausgerechnet zusammen mit dem im Wetbewerb stehenden Unternehmen Siemens & Halske, war die damit verbundene Beilegung der bisherigen, dauerhaften Patentstreitigkeiten zwischen den Unternehmen AEG und Siemens.

Am 27.10.1903 stellt der Drehstromtriebwagen der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft auf der Versuchsstrecke der Militär–Eisenbahnen " Marienfelde–Zossen–Jüterbog" mit 210,2 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf. Dieser Geschwindigkeitsweltrekord für Schienenfahrzeuge blib fast 30 Jahre bestehen und wurde erst in Jahr 1931 gebrochen.

1904 fusionierte die AEG mit der Union-Electricitäts-Gesellschaft (UEG).

Mit der Gründung der Abteilung Flugzeugbau in Hennigsdorf nahe Berlin steigt die AEG im Jahr 1910 in den Flugzeugbau ein. Das erste hier gebaute Flugzeug war ein reiner Holzbau nach dem Vorbild des Doppeldeckers der Gebrüder Wright, der 1912 seinen Jungfernflug absolvierte. Es besaß eine Spannweite von 17,5 m und sein Leergewicht betrug etwa 850 kg. Als Antrieb wurde ein 75PS-Achtzylinder-Verbrennungsmotor eingesetzt, mit dem es eine Geschwindigkeit 65 km/h erreichte.
Nach 1912 wurden die Flugzeuge in Gemischtbauweise aus einer Holz- und Stahlrohr-Tragkonstruktion mit Stoffbespannung gebaut.

Am 15. September 1927 erleidet die beispiellos erfolgeiche Geschichte der AEG einen herben Rückschlag, als das Berliner Schau- und Verkaufsgebäude in der Luisenstraße 35 durch einem Brand vollständig zerstört wird. Doch bereits wenige Monate später kann die AEG das Haus der Technik, als neues Schau- und Verkaufsgebäude mit einer Fläche von 10.500 m², errichten und in Betrieb nehmen.

Auf der Berliner Funkausstellung im Jahr 1935 stellt die AEG mit dem Magnetophon K1 das weltweit erste Tonbandgerät vor. Im selben Jahr werden die Borsig Lokomotiv-Werke übernommen und der Lokomotivbau nach Hennigsdorf verlagert.

Während der Zeit des Nationalsozialismus entwickelte sich die AEG zu einem der wichtigsten Technologieträger: Neben der Entwicklung kriegswichtiger Geräte und Röhren wurde bei der AEG unter anderem eine Hubschrauberplattform für Aufklärungszwecke entwickelt. Der Antrieb erfolgte durch einen Drehstrommotor, der über eine Stromzuführung vom Boden aus versorgt wurde. Da die Verbindung zwischen Boden und Plattform nicht getrennt werden konnte, war die Plattform an die Bodenstation "gefesselt" und konnte nicht frei fliegen. Die maximale Flughöhe der Plattform lag bei ca. 300 m. Die Konstruktion wurde später von Dornier aufgegriffen und daraus das Aufklärungssystem Kibitz entwickelt.

Nach dem Kriegsende waren die meisten Werke der AEG schwer beschädigt oder zerstört und die, in der sowjetische Besatzungszone gelegene Fertigungsstätten, gingen durch den Vertrag von Jalta vollständig verloren. Das AEG-Werk in Hennigsdorf wird als VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke (LEW) weitergeführt. Andere Werke wie das Kabelwerk Oberspree und die Apparatefabrik Treptow werden in Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) überführt und weitgehend demontiert. Die Lage in den westlichen Besatzungsgebieten ist nicht wirklich besser. Viele Unternehmensteile und Fertigungsstätten werden beschlagnahmt oder enteignet. Die Forschung an Schlüsseltechnologien auf deutschem Boden wird von den westlichen Siegermächten untersagt und hauptsächlich in die Vereinigten Staaten verlagert.

Die Produktion kann nur in einigen Fabriken in der Westsektoren Berlins, in Nürnberg, Stuttgart und Mülheim/Ruhr wieder aufgenommen werden. Doch auch hier werden die Arbeiten durch die Beschränkungen der Siegermächte und den Arbeitskräftemangel stark beeinträchtigt.
Unabhängig von den Schwierigkeiten wird sofort nach Kriegsende mit dem Bau neuer Werke begonnen. Bereits im Mai 1946 werden in der neuen Zählerfabrik in Hameln die ersten Produkte produziert. Das Werk Hameln wird Zug um Zug erweitert, so dass im Jahr 1963 rund 2.500 Mitarbeiter beschäftigt werden können. Zu dieser Zeit werden in Hameln unter anderem Sicherungsautomaten und technische Leuchten produziert.

Bedingt durch die isolierte Lage Berlins und letztendlich während der Berliner Blockade, muss die AEG erkennen, ein Wiederaufbau des Unternehmens vom Gründungsstandort Berlin aus nicht möglich ist. Die Hauptverwaltung für die nicht enteigneten Unternehmensteile wird von Berlin zunächst nach Hamburg und 1950 nach Frankfurt am Main verlegt.
An der Friedensbrücke in Frankfurt/Main entsteht die neue Unternehmenszentrale der AEG. Um die Verbindung nach Berlin nicht gänzlich zu verlieren, wird im Gebäudekomplex des ehemaligen Generalkommandos am Hohenzollerndamm eine Dependance eingerichtet

Das in Oldenburg für die Herstellung von Kleinmotoren und Hausgeräte errichtete Werk beschäftigte 1963 rund 2.600 Mitarbeiter. Die Zahl der Beschäftigten im gesamten AEG-Konzern stieg von rund 20.000 im September 1948 auf über 55.000 Personen im Jahr 1957. Im selben Jahr konnte die AEG erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Deutsche Mark verbuchen.
Doch bereits zu dieser Zeit ist der Untergang der AEG besiegelt. Auch der Unsatzrekord des Jahres 1957 konnte über die immer größer werdenden Probleme im AEG-Konzern nicht hinwegtäuschen. Der Wiederaufbau und der Rückkauf nach Kriegsende enteigneter Patende hatte derart hohe Investitionen verursacht dass diese nicht mehr ausgeglichen werden. So wurden schon in der Bilanz des Jahres 1956 Kosten von über 500 Millionen DM alleine für den Wiederaufbau ausgewiesen.

Mit allen Mitteln versucht die AEG die unübersehbaren Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Im Jahr 1958 wird der Slogan " AEG – Aus Erfahrung Gut " für die Hausgeräte der AEG eingeführt. Doch die finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens führten auch zu einem starken Nachlassen der Produktqualität. Ausgelöst durch die unzureichende Qualität der Geräte entsteht im Volksmund bald der Gegen-Slogan „Alles Ein Gammel“ und später auch "Auspacken, Einschalten, Geht nicht".

Trotzdem scheint es von außen betrachtet mit dem AEG-Konzern stetig aufwärts zu gehen. Im Jahr 1962 werden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 127.000 Mitarbeiter beschäftigt und der Jahresumsatz steigt auf über 3 Milliarden DM. Im selben Jahr wird in Springe eine neue Fabrik zur Herstellung von Steuerungs- und Regelgeräten, mit 200 Beschäftigten, errichtet.
Walter Bruch entwickelt 1962 bei Telefunken in Hannover das PAL Farbfernsehsystem und meldet dieses zum Patent an. Diese Patenterteilung stellt einen letzten Höhepunkt in der Geschichte des AEG-Konzerns dar. Trotz des technischen Fortschritts im Bereich der Elektronik stellt dieses Übertragungssystem noch bis über die Jahrtausendwende hinaus den Standard dar.
1966 wird mit der Größtmaschinenhalle in der Berliner Brunnenstraße, die zu dieser Zeit größte Produktionshalle der Elektrobranche in Europa fertiggestellt. Die riesige Halle mit einer Länge von 175 m, einer Breite von 45 m und einer Höhe von 26 m war mit vier koppelbaren Kranbahnen für den Bau von Motoren und Generatoren größter Leistungen ausgestattet. Jede der Kranbahnen konnte ein Einzelgewicht von bis zu 400 t tragen. Zur Grundsteinlegung war neben einer Vielzahl hoher Gäste der damalige Justizminister der USA, Robert Kennedy, anwesend. Nach der Schließung der Betriebsstätte wurde die Halle im Jahr 1986 abgerissen.

Trotz aller Anstrengungen und vieler technischer Innovationen kam der AEG-Konzern immer mehr ins Strauchel, und eine Betriebstätte nach der anderen musste geschlossen werden. Im Jahr 1967 wurde beschlossen, die 1903 zusammen mit Siemens & Halske gegründete und bis dato selbständige Gesellschaft für drahtlose Telegraphie - Telefunken, zur Rettung der AEG in den Konzern einzugliedern. Nach der Fusion wurden die Geschäfte als „AEG-Telefunken AG“ vom Unternehmenssitz in Frankfurt am Main aus weitergeführt. Doch auch diese Maßnahme zur Rettung der AEG scheiterte und riß letztlich nur die Telefunken mit in den Untergang.

1970 steht der Konzern AEG-Telefunken mit 178.000 Mitarbeitern an zwölfter Stelle in der Weltrangliste der größten Elektrounternehmen. Aber das Unternehmen wird durch die Nachkriegsinvestitionen, letztlich erfolglose Projekte, wie den Bau einer automatischen Gepäckförderanlage am Flughafen Frankfurt und den Einstieg in die Kernkraftwerkstechnik stark belastet. Die in den 1960er Jahren von AEG entwickelte Siedewasser-Reaktortechnik konnte sich am Markt nicht durchsetzen. Außerdem kosteten Projektverzögerungen, wie beispielsweise beim Kernkraftwerk Würgassen, dessen Inbetriebnahme sich wegen einer Reihe von technischen Problemen um Jahre verzögerte, der AEG mehrere hundert Millionen DM. Die Firmenkrise, die sich bereits vor etwa 20 Jahren abzeichnete, und das Opfern der Telefunken, konnten den Niedergang lediglich um ein paar Jahre hinauszögern.
In den Folgejahren mussten alle provitablen Bereich verkauft werden, so dass am Ende nichts mehr blieb, von dem der Konzern hätte bestehen können.

Die Aktivitäten der AEG im stark wachsenden Zukunftsmarkt der Computertechnik werden Zug um Zug verkauft. Das Geschäftsfeld der Großrechner (TR 4, TR 10, TR 440) wird zunächst als Telefunken Computer GmbH in eine Kooperation mit der Firma Nixdorf überführt, muss aber bereits zwei Jahre später vollständig an Siemens verkauft werden. Die Produktsparte der Prozessrechner (TR 84, TR 86, AEG 80-20, AEG 80-60) wird mit dem Geschäftsbereich Automatisierungstechnik verschmolzen und im Jahr 1980 von der ATM Computer GmbH übernommen.

Am 9. August 1982 muss die Konzernleitung der AEG beim Amtsgericht Frankfurt/Main den Vergleich anmelden. Ein Sanierungskonzept, das Bundesbürgschaften von 600 Millionen DM und neue Bankkredite von 275 Millionen DM vorsah, drohte zunächst an der Uneinigkeit der Banken zu scheitern, dann gewährte ein Bankenkonsortium dem AEG-Konzern bis Juni 1983 ein Verwalterdarlehen von 1,1 Milliarden DM. 700 Millionen DM standen der AEG sofort zur Verfügung, die restlichen 400 Millionen DM in Form einer Bürgschaftszusage durch die Bundesrepublik Deutschland. Als Vergleichsverwalter wurde der Rechtsanwalt Wilhelm Schaaf eingesetzt.

In Folge des Vergleichsverfahrens für den gesamten AEG-Konzern mussten in den folgenden Jahren weitere wesentliche Kernbereiche abgegeben werden. Die Folgen beschränkten sich nun nicht mehr auf die AEG-Telefunken AG, sondern auch auf deren eigentlich selbständige und erfolgreiche Tochtergesellschaften wie die Küppersbusch AG in Gelsenkirchen, die Hermann Zanker Maschinenfabrik GmbH & Co. KG in Tübingen, die Carl Neff GmbH in Bretten oder die Alno-Möbelwerke GmbH & Co. KG in Pfullendorf.
Die Tochtergesellschaften, und einige andere Bereiche, wurden nach der Ausgliederung aus dem Konzern vom bisherigen Minderheitsgesellschafter der Familie Nothdurft übernommen. Als Folge des Vergleichs und der damit verbundenen Umstrukturierung der Konzernbereiche, mussten auch viele Zulieferunternehmen der AEG, wie die Becher & Co. Möbelfabriken KG in Bühlertann Konkurs anmelden.

Letzlich führte die mangelnde Kontinuität in der AEG-Konzernführung und das offenlichtliche Fehlen einer klaren Linie zum Desaster im Umfend des AEG Vergleichs. Ein Beispiel hierfür ist der Verkauf des Geländes der traditionellen Maschinenfabrik am Humboldthain im Berlin/Wedding. Eigentlich sollte die dort bestehende Groß- und die Kleinmaschinenfabrik zugunsten der Lloyd Dynamowerke in Bremen (Mittelmaschinen), der AEG-Fabrik Essen (Großmaschinen) und der Firma Bauknecht (Kleinmaschinen) aufgegeben werden.
Auf diesem Gelände waren jedoch noch andere Unternehmensbereiche, die offensichlich vergessen wurden. Für die Stromrichterfabrik und die Bahnfabrik mußten neue Fabriken in Berlin-Marienfelde bzw. Berlin-Spandau erbaut werden. Das Großrechenzentrum und das Institut für Automation wurden kurzerhand zergliedert und auf mehrere andere Standorte verteilt. Letzlich hat der Verkauf des Geländes die Konzerkasse nicht gefüllt, sondern die Lage nochmals verschlimmert.

Im Jahr 1985 übernimmt schließlich die Daimler-Benz AG die Reste des AEG-Konzerns und sorgt damit für eine Wiederbelebung des Namens und Logos „AEG“. Mit der Übernahme wollte die Daimler-Benz AG unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter den Traum von einem multinationalen Technik- und Rüstungskonzerns realisieren. Im Nachhinein führte die Übernahme jedoch nur zur völligen Zerschlagung des einstigen Weltkonzerns AEG.

Die AEG war an der Entwicklung und Herstellung nahezu aller deutschen elektrischen Lokomotivbaureihen federführend beteiligt. Bei der Entwicklung eines Drehstromantriebs geriet sie zwar in den 1970er Jahren gegenüber dem Mitbewerber BBC leicht ins Hintertreffen, durch die mit dem Drehstrom-Versuchsträger 182 001 gewonnenen Kenntnisse konnte die AEG im Jahr 1981die begehrten Aufträge für die Serienfertigung der Baureihen 120 und 401 (besser bekannt als ICE1) erhalten.

Unter der Führung der Daimler-Benz AG kooperierte der AEG-Bahnbereich ab 1990 mit der Westinghouse Transportation Systems Inc. Pittsburgh/USA. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Bahnbereich 1992 wieder mit der LEW Hennigsdorf, zur „AEG Schienenfahrzeuge GmbH Hennigsdorf“ verschmolzen.

An anderer Stelle geht der Ausverkauf jedoch weiter. Die AEG Elektrowerkzeuge GmbH wird 1992 an die schwedische Atlas Copco Gruppe verkauft. Die Geschäftsbereiche Automatisierungstechnik (Modicon) werden 1994 an die Schneider Electric und die AEG Hausgeräte AG an Electrolux verkauft.
Beits in Jahr 1995 wird die erst vor 3 Jahren geründete „AEG Schienenfahrzeuge GmbH Hennigsdorf“ von der Spandauer Betriebsstätte nach Hennigsdorf verlagert und in die ABB Daimler Benz Transportation (Adtranz) überführt.

Im Jahr 1996 beschließt die Hauptversammlung der Daimler-Benz AG, unter Vorsitz von Jürgen Schrempp, die vollständige Zerschlagung und Auflösung des AEG-Konzerns, sowie die Vermarktung der verbleibenden einzelnen Geschäftsfelder. Damit wurde nach 113 Jahren die Geschichte eines der größten elektrotechnischen Konzerne, eines Meilensteins der Elektrotechnik und eines Bestandteils unserer Deutschen Gechichte beschlossen. Nur die Marken und der Name AEG werden noch bis etwa zu Jahr 2004 von der Daimler-Benz AG weiter vermarktet.

Wie gering das Interesse der auf der Hauptversammlung anwesenden Aktionäre an der AEG war, zeigt sich am Umstand daß das umfangreiche Firmen-Archiv der AEG nur durch die Initiative einiger ehemaliger AEG-Mitarbeiter vor der Vernichtung gerettet und an das Deutschen Technikmuseum Berlin übergeben werden konnte.

Bereits wenige Monate nach der Hauptversammlung wird die AEG Anlagen- und Automatisierungstechnik an die Firma Cegelec verkauft. Die bereits 1981 ausgegliederte AEG Softwaretechnik wird noch im selben Jahr als Teil der repas-Gruppe übernommen und unter dem Namen „repas AEG Softwaretechnik“ weitergeführt. Später wird die repas AEG Softwaretechnik von der PSI AG übernommen und firmiert heute als PSI Transportation GmbH. Die PSI AG wurde im Jahr 1969, als sich der Niedergang bereits abzeichnete, von AEG-Mitarbeitern ausgegründet. Der Namensteil AEG war damit auch aus diesem Unternehmensteil vollständig verschwunden.
Die Rechte am Markennamen AEG für Telekommunikation und Car Hifi erwirbt 2000 die ITM Technology AG. Nachdem für die ehemalige Konzernzentrale der AEG in Frankfurt am Main kein Käufer gefunden werden konnte, wurde das gebäude 1999 gesprengt. Heute stehen auf dem Gelände Wohnungen und nichts erinnert mehr an die AEG. Die ABB Daimler Benz Transportation (Adtranz) wird am 1. Mai 2001,als letzte AEG-Geschäftsbereich, an die Bombardier Transportation verkauft.

Doch auch nach der endgültigen Zerschlagung des AEG-Konzerns kehrt in den ehemaligen AEG Gesellschaften keine Ruhe ein. Die von der Electrolux übernommenen Werke der AEG Hausgeräte AEG werden teilweise verlagert, weiterverkauft oder geschlossen. So wird im Jahr 2002 das AEG-Hausgeräte-Werk in Kassel geschlossen und die dortige Produktion von Kühl- und Gefriergeräten nach Italien und Ungarn verlagert. Die Electrolux Haustechnik GmbH (EHT), die 1994 aus der ehemaligen AEG Haustechnik entstanden war, wurde im selben Jahr an die Stiebel-Eltron-Gruppe verkauft.
Im Juni 2004 erwirbt die Electrolux-Gruppe die globalen Markenrechte an der Marke AEG für etliche Produktgruppen von der EHG Elektroholding GmbH, einer Tochtergesellschaft der Daimler-Chrysler-Gruppe. Die Markenrechte für die Bereiche Consumer electronic und Health Care werden von der ETV - Elektrotechnische Vertriebsgesellschaft mbH übernommen.
Im Frühjahr 2005 gibt Electrolux die Schließung des Nürnberger AEG-Werkes und Verlagerung der Produktion nach Polen und Italien bekannt. Zu diesem Zeitpunkt existiert nur noch ein AEG-Haushaltsgerätewerk auf deutschem Boden, das AEG-Werk Rothenburg ob der Tauber, in dem die Backöfen, Herde und Kochmulden produziert werden. Im Frühjahr 2007 läuft in Nürnberg, begleitet von massiven Streiks der Mitarbeiter, die letzte Waschmaschine vom Band; am 16. März 2007 wird das Werk geschlossen.
Die 1994 von der schwedischen Atlas Copco übernommene Elektromaschinensparte der AEG wird 2004 an die Techtronic Industries verkauft und firmiert seither unter dem Namen A&M Elektrowerkzeuge.


Dokumente zur AEG:

Prospekt: Thyratrons aus dem Jahr 1955