Bereich I: Entwicklung der Röhrentechnik
     
 

Definition der Elektronik

Vor der Erfindung des Halbleiters, stellte die Elektronik lediglich einen Teilbereich der Elektrotechnik dar. Die Elektronik befasste sich mit der Technik elektrischer Stromkreise und Schaltungen unter Verwendung evakuierter oder gasgefüllter Entladungsgefäße befasste. Jeder Stromkreis, in dem die Fortbewegung elektrischer Ladungen an wenigstens einer Stelle durch einen evakuierten oder gasgefüllten freien Raum stattfindet, ist dem Gebiet der Elektronik zu gerechnet.
Demnach gehörten neben den Verstärkerröhren, mit ihren bekannten Anwendungsgebieten in der Rundfunk- und Fernmeldetechnik, auch gasgefüllte Gleichrichter, Fotozellen, Katodenstrahlröhren, strenggenommen sogar Leuchtstoff- und Gasentladungslampen zum Bereich der Elektronik.

Bereits Anfang der 50er Jahre hatte die Elektronik eine beherrschende Stellung in der modernen Technik eingenommen. So erkannte die Industrie schnell die Vorteile, die sich durch den Einsatz elektronischer Bauruppen für die Überwachung und Regelung von Prozessen verschiedenster Art sowie zur Verbesserung und Verfeinerung der Fertigungsverfahren ergaben.
So bot beispielsweise die elektronische Motorsteuerung die Möglichkeit, Antriebe mit nahezu jeder gewünschten Drehzahl/Drehmoment-Charakteristik zu betreiben, wobei die Steuer- und Regelungsglieder praktisch trägheits- und leistungslos arbeiten. Derartige elektronisch geregelte Antriebe fanden ihren Einsatz in Werkzeugmaschinen, bei Gleichlaufantrieben in Walzwerken und Spinnstrassen, Wickeleinrichtungen in Textilindustrie und Drahtwerken, Steuerungen für Aufzüge und Fördereinrichtungen und in vielen anderen technische Einrichtungen.
Elektronische Signal-, Überwachungs- und Zähleinrichtungen in Verbindung mit lichtelektrischen Zellen (Photozellen) bildeten die Basis zur selbständigen Kontrolle von Fließbandfertigungen, chemischen Prozessen, Transporteinrichtungen und anderen industriellen Vorgängen.
Nach dem zweiten Weltkrieg bestand in Deutschland, bedingt durch die Kriegsschäden und Demontagen der Siegermächte, ein grosser Bedarf an industriellen Einrichtungen und Fertigungsanlagen. Die noch junge Elektronik wurde in den neuen Anlagen auf breiter Basis eingesetzt und trug erheblich zum heute guten Ruf des deutschen Maschinenbaus bei.

Bei der Rundfunk- und Fernmeldetechnik stand das Problem der leistungslosen Verstärkung kleinster Spannungen sowie die Erzeugung modulierter und unmodulierter Hochfrequenz im Vordergrund des Interesses. Beide Anforderungen konnten durch moderne Verstärker- und Senderöhren befriedigt werden.

Speziell in der Schwerindustrie wurde ein leistungsfähiges und zuverlässiges Bauteil zum Steuern oder Schalten von hohen Strömen benötigt. Die mechanischen Schalter und die bekannten Regler waren hierzu jedoch wenig geeignet. Auch hier bot die Elektronik, mit gasgefüllten Röhren in den verschiedensten Ausführungen, eine für jede Anwendung passende Lösung.
Auch andere Röhrenarten fanden häufig ihre Verwendung in der Industrie. Hier sei nur der Einsatz von Senderöhren in Generatoren für hochfrequente Erwärmung genannt.

Die Industrie aber auch andere Bereiche verlangten nach immer neuen Röhren mit speziellen Eigenschaften. Dies hatte zur Folge das von Röhrenbaureihen Exemplare auf Basis einzelner Parameter herausselektiert wurden oder spezielle Ausführungen hergestellt wurden. So entstanden die noch heute bekannten Produktlinien der Industrieröhren, Rechenröhren, Langlebensdauerröhren usw.

Mit der Zeit entwickelten sich einzelne Produktsparten, in denen die Röhrenentwicklung hinsichtlich des geplanten Einsatzgebietes, in mehrere Grundbereiche unterteilt wurden:

- Konsumröhren für Radio- und Fernsehgeräte
- Röhren für die komerzielle Rundfunk- / Fernmeldetechnik (Senderöhren)
- Röhren für die industrielle Elektrotechnik
- Röhren für militärische Anwendungen

In den 70er Jahren erreichte die Halbleitertechnik eine immer weiter steigende Bedeutung und verdrängte in vielen Bereichen die Röhrentechnik. Obwohl die Halbleitertechnik die Grundbedingung der Elektronik nicht erfüllt, wurden diese trotzdem der Elektronik zugerechnet, da Halbleiter als direkte Nachfolgetechnologie der Röhren betrachtet wurden.
Die ursprüngliche Definition der Elektronik, des Stromflusses durch einen evakuierten oder gasgefüllten freien Raum war damit nicht mehr zutreffend und geriet in Vergessenheit. Heute wird der Begriff der Elektronik häufig mit marketingtechnischen Absichten benutzt und beschreibt eigentlich kein Sachgebiet innerhalb der Elektrotechnik mehr.